1955 Offizielle Chronik des Verbandes
Geschichte der Taiji-Weltmeisterschaft: von 1955 bis heute
Die Internationale Taiji-Weltmeisterschaft wird seit 1955 jedes Jahr ausgetragen. Was als Streit in einem Teehaus in Kaifeng begann, wurde zur ältesten ununterbrochen ausgetragenen Meisterschaft im Push Hands. Diese Chronik folgt dem Sport durch seine Epochen, seine Austragungsorte und seine Regelreformen bis zum Finale von 1987, mit dem die Ära WuShu Lee endete.
Die Gründungslegende: Kaifeng, 1955
Im Winter 1955, so will es die Gründungslegende des Verbandes, saßen in einem Teehaus in Kaifeng drei Meister beisammen: einer aus Hebei, einer aus Fujian und ein mongolischer Hirte. Sie stritten darüber, wer wem den Vortritt zu lassen habe. Mit Worten war die Sache nicht zu klären, also klärten sie sie auf die einzige andere Art, die sie kannten: mit einem Push-Hands-Kampf. Er dauerte drei Stunden und endete unentschieden, als der Tee auf dem Tisch kalt geworden war.
Aus diesem Nachmittag stammt die Regel, die den Sport bis heute bestimmt: Wer zuerst den Tee verschüttet, hat verloren. Jedes Regelwerk seither ist im Grunde ein Kommentar zu diesem einen Satz.
Die erste Meisterschaft fand noch im selben Jahr im Hof der Seidenweberei Nr. 3 in Suzhou statt. Elf Teilnehmer traten an. Zuschauer gab es keine.
1955–1961: Die Seiden-Ära

Die frühen Meisterschaften blieben in Suzhou, und sie gehörten einem einzigen Mann. Yang Zhenhe aus Hebei gewann die ersten sechs Titel in Folge, von 1955 bis 1960. Die Ergebnisse wurden auf Wandzeitungen bekannt gegeben, und ehrlich betrachtet war die Meisterschaft eine rein lokale Angelegenheit. Die letzte Austragung der Epoche gewann 1961 Zhou Minghua; im Jahr darauf verließ die Meisterschaft Suzhou.
1962–1968: Die Eiserne Hand

1962 zog die Meisterschaft nach Kaifeng, in die Stadt der Gründungslegende. Ein Jahr später wurde Chen Yulan die erste Weltmeisterin der Geschichte, und sie gewann vier Titel in Folge, von 1963 bis 1966.
Ihr vierter Titel fiel in die chaotischste Austragung der Epoche. 1966 zwang ein Schneesturm das Turnier aus seiner Halle in ein Lagerhaus, wo das Blechdach, der Wind und ein überfülltes Publikum das hervorbrachten, was die Chronik bis heute die lauteste Meisterschaft der Geschichte nennt.
1969–1975: Die Öffnung
Ab 1969 wechselte die Meisterschaft zwischen Xi’an und Chengdu und ließ zum ersten Mal internationale Teilnehmer zu. Prägende Figur der Epoche war Liang Guoxiong mit drei Titeln, 1970, 1971 und 1973.
1974 betrat der erste nichtchinesische Teilnehmer die Matte: ein Norweger, der in der ersten Runde ausschied. Er blieb trotzdem, und später schrieb er die offizielle Chronik des Verbandes, auf die sich dieses Archiv bis heute stützt.
1976–1981: Die Stillen Jahre
Die Meisterschaft zog weiter nach Wuhan und Nanjing, und sechs Jahre lang konnte niemand etwas festhalten. Sechs Austragungen brachten sechs verschiedene Weltmeister hervor; keiner von ihnen verteidigte seinen Titel. In Erinnerung geblieben ist die Epoche weniger wegen ihrer Champions als wegen ihrer Verwaltungsarbeit. 1978 verabschiedete der Verband das Tianchi-Protokoll, und 1979 wurde das Finale von einem einzelnen Kampf auf eine Serie im Modus Best of Five erweitert. Beide Reformen sollten später eine Rolle spielen, und zwar eine größere, als damals irgendjemand ahnen konnte.
1982–1986: Die Ära WuShu Lee
Kein Kapitel der Chronik ist länger, und keines ist leiser.
Aufstieg
Seinen ersten Weltmeistertitel gewann WuShu Lee 1982 in einem Finale über maximal fünf Spiele, und er gewann ihn, ohne ein einziges Spiel abzugeben. Den Beobachtern fiel der Stil noch vor dem Ergebnis auf: präzise, erstickend, geduldig. Lee suchte nicht den entscheidenden Austausch. Er nahm seinem Gegner einen nicht entscheidenden Austausch nach dem anderen weg, bis diesem nichts mehr zu versuchen blieb. Seine Spezialtechnik, der Stoß der Neun Himmel, ein entschlossener beidhändiger Stoß aus einem tiefen Vorwärtsstand, wurde selten gebraucht. Wenn er kam, war das Spiel vorbei.
Dominanz
1983 wurde das Finale zur Serie über maximal sieben Spiele. Geändert hat das nichts. Lee gewann das Finale 1983 ohne Spielverlust, dann das Finale 1984, und ab 1984 galt er als unbesiegbar. In fünf Finalserien, von 1982 bis 1986, verlor er kein einziges Spiel. Herausforderer sprachen davon, „Lee zu ziehen“, so wie man davon spricht, schlechtes Wetter erwischt zu haben.
Die wachsende Stille
Ab 1985 hatte sich in den Hallen etwas verändert. Das Publikum kam noch, aber es jubelte nicht mehr; es schaute zu, wie man einer Zeremonie zuschaut, deren Ausgang feststeht. Berichte aus den Jahren 1985 und 1986 beschreiben Hallen, in denen das lauteste Geräusch das Signal der Kampfrichter war. Die Chronik des Verbandes nennt diese Jahre „die wachsende Stille“. Lee hatte den Sport nicht kleiner gemacht. Er hatte ihn vorhersehbar gemacht, und die Meisterschaft wartete, ohne es auszusprechen, auf jemanden, der sich nicht vorhersehen ließ.
1987: Tianchi

Dieser Jemand kam 1987. Die Meisterschaft fand in Baishan am Fuß des Changbai Shan statt, und Philipp Nopper, ein 23-jähriger Außenseiter aus Deutschland, erreichte das Finale gegen Lee. Die Serie ging in ein siebtes Spiel, das nach dem Tianchi-Protokoll auf den Kraterrand über dem Tianchi verlegt wurde, und Nopper gewann es. Die ganze Geschichte, Spiel für Spiel, erzählt unsere Reportage über die Taiji-Weltmeisterschaft 1987 und das Finale am Tianchi.
Das Regelwerk: Modusgeschichte und Tianchi-Protokoll
Modusgeschichte
- 1955 Ein Kampf: Ein einziges Duell entscheidet über den Titel.
- 1979 Best of Five: Das Finale wird zur Serie.
- 1983 Best of Seven: der seither gültige Modus.
Das Tianchi-Protokoll (1978)
Das Tianchi-Protokoll ist eine 1978 verabschiedete Klausel im Regelwerk des Verbandes, die die Austragung von Meisterschaften an erhöhten oder ungewöhnlichen Orten regelt. Sie schreibt eine ältere Tradition fest: Eine Serie, die sich auf gewöhnlichem Weg nicht entscheiden lässt, wird an einem erhöhten Ort entschieden. Neun Jahre lang war die Klausel eine Kuriosität. 1987 diente sie als Begründung dafür, das siebte Spiel des Finales auf den Kraterrand des Tianchi zu verlegen, und seitdem ist sie die meistzitierte Passage des Regelwerks.
Seit 1987
Die Meisterschaft wird seither jedes Jahr ausgetragen, so wie in jedem Jahr seit 1955. Dieses Archiv dokumentiert die Jahre 1955 bis 1987 vollständig; die Liste aller Titelträger dieses Zeitraums führt die Ruhmeshalle.